Die Geschmacksverstärker

Posted: Januar 23rd, 2008 | Author: | Filed under: How to discover the nuggets? | Tags: , , , , | 1 Comment »

Vor kurzem wurde im Zündfunk des Bayrischen Rundfunks ein sehr schönes Feature produziert mit dem Thema „Die Geschmacksverstärker“. Leider ist es dort nicht als Podcast verfügbar, deshalb hier mal der Downloadlink. Uns wurden aus dem nugg.ad Familienumfeld auch dramatische Dokumente zugespielt die dokumentieren wie mitreissend dieses Feature offensichtlich in der Öffentlichkeit angenommen wurde.

Ich hatte dabei die Ehre neben Robert Misik (Autor des „Kultbuchs“, hat auch einen netten blog), Holm Friebe (Riesenmaschine, ZIA etc.) und Martin Stiksel, einem der Gründer von last.fm interviewt zu werden.  Übrigens von einer super netten und total attraktiven Journalistin die sich von mir in unseren Server-Raum entführen liess. Leider durfte ich ihr nicht heldenhaft meine Jacke überwerfen als es Ihr dort zu kalt wurde…

Inhaltlich ging es um sowas wie mein Steckenpferd, nämlich die Firma schlechtzureden, indem ich darauf insistiere, dass es derzeit nicht wirklich möglich ist algorithmentechnisch echte Relevanz zu erzeugen. Ich meine nicht technische oder kommerzielle Relevanz. Das schaffen wir ganz gut. Also Werbung effizienter ausliefern und so. Was ich meine ist die echte Relevanz guter Empfehlungen wie man sie sowieso selten bekommt, am ehesten von Freunden.

Das Problem ist nämlich – und darunter leiden meiner Ansicht nach auch last.fm, pandora und die anderen – dass wirklich gute Empfehlungen nämlich grade nicht wie Geschmacksverstärker wirken (übrigens ein genialer Titel für diese Sendung!), sondern häufig am Anfang eher sogar gegenteilig. Jedenfalls sind Empfehlungen die wirklich hängenbleiben, also etwas neues ins „System“ bringen, oft am Anfang erstmal eher verstörend und falsch. Man denkt also „hmm, das soll ich mögen? Hört sich doch total komisch an“. Dann legt man es weg, wartet, hört wieder. Immer noch komisch. Manchmal bleibt es auch dabei, manchmal jedoch passiert das wunderbare Ding, dass man den neuen Song quasi in sich aufnimmt. Man erweitert also plötzlich sein Inventar, seinen Geschmack, seine Vorlieben. Mir ist es so z.B. mit Portishead ergangen. Oder Lambchop (beides Empfehlungen meines Bruders der mein Musikgott ist). Das Problem dabei ist, dass solche guten Empfehlungen auf eine sehr komplexe Art an unseren aktuellen Vorlieben andocken, diese aber zugleich auch verstören und in Frage stellen. Wenn die Empfehlung dagegen nur eine Verlängerung dessen ist was ich eh schon höre ist sie zwar nett bleibt aber nicht hängen. Also nicht wirklich relevant. Meiner Ansicht nach ist das auch das grosse Problem von last.fm und pandora – wobei ich den last.fm Ansatz da schon viel besser finde. Pandora setzt nämlich voll auf „Werkähnlichkeit“ wohingegen last.fm bekanntlich den community-Effekt mit reinnimmt. Was mir der richtige Weg zu sein scheint.

Meine derzeitige These zur Lösung des Problems ist, dass es rein algorithmisch (noch) keine gibt. Wir arbeiten dran, klar. Ich bin mir aber nicht sicher ob es die Lösung geben kann. Witzig daran ist, dass es professionelle Empfehlungmaschinen mit all den oben genannten Qualitäten natürlich längst gibt, sogar online und leicht für alle zugänglich. Werden sogar von extrem vielen Leuten durch alle Bildungs-Schichten genutzt, täglich. Was ich meine sind Journalisten (mein Bruder ist übrigens auch einer). Eigentlich ist es deren Job permanent als Geschmackveränderer, Empfehler, Raussucher neuer, aber nicht zu neuer Sachen zu arbeiten. Wenn ich z.b. im Feuilleton der FAZ eine Musikbesprechung lese passiert es häufig, dass ich der Empfehlung folge. Zuletzt wurde z.B. auf ein Konzert der Pianistin Simone Dinnerstein hingewiesen und auf Ihre neue Einspielung der Goldberg-Variationen. Habe sowohl Konzert besucht als auch die CD gekauft. Beides grossartig. Obwohl ich die Einspielung von Glenn Gould immer noch unerreichbar finde.

Die Frage hier ist natürlich ob es jemals gelingen wird Werbung so mit Relevanz aufzuladen wie diese CD-Besprechung in der FAZ. Das wäre der Hammer, oder?


One Comment on “Die Geschmacksverstärker”

  1. 1 Zeno Davatz said at 16:37 on Februar 20th, 2008:

    Interessanter Blog-Eintrag.

    Wieso nicht ähnliche Geschmäcker vergleichen und Leute mit ähnlichen Geschmäckern finden? Wenn der Bruder oder die Schwester oder ein Freund einem eine CD empfiehlt tut er diese meistens weil er denkt den Charackter der anderen Person – also seinen Geschmack – zu kennen.

    Je grösser das Internet wird umso besser muss man Geschmäcker identifizieren und unterscheiden können; dies obwohl die Auswahl wohl nie unendlich sein wird.

    Der Geschmacksverstärker im obigen Sinne ist also immer auch jemand oder etwas der Geschmäcker zuerst analysieren und dann vergleichen tut. Eine neue CD ist also nur etwas wert wenn Sie auch besser resp. anders ist als eine andere CD. Je grösser das Wissen von einem Fachgebiet (z.B. Musik) desto eher geniesst man auch nur die kleinste Änderung. Wenn man nichts von Musik versteht, kann man auch die Änderung nicht verstehen und eben auch keinen „Geschmacksunterschied“ feststellen.

    Das gilt wohl auch beim Essen. Beispiel: Wer nie in Japan Sushi gegessen hat wird nie verstehen wie gut Sushi sein kann.

    Einen neuen Geschmackslevel zu erklimmen (verkaufen) ist dann wohl das Ziel oder das gefundene „Nugget“.