Thomas von der Post, Onlinewerbung und die Neonazis

Posted: Juni 7th, 2007 | Author: | Filed under: Found today, nugg.ad | Tags: , , , , | 3 Comments »

Gerade habe ich einen aufgeregten Artikel aus der Netzeitung unter der Überschrift „Gottschalk im Netz neben Neonazis“ gelesen und dabei festgestellt, dass offensichtlich weder der Redakteur noch die Unternehmen Deutsche Post und O2, um die es geht, das Internet so richtig verstanden haben. Aufreger ist, dass Onlinewerbung für beide Unternehmen in einem rechtslastigen Umfeld unter der Toplevel-Domain irgend einer Insel im Südpazifik aufgetaucht ist. So heißt es unter anderem: Eine zweifelhafte Frucht der Globalisierung besteht darin, dass diese Seiten sich unter anderem durch Werbung renommierter Marken finanzieren. Die zugehörigen Konzerne wissen oft gar nicht, wie ihnen geschieht…“ Mir kommen die Tränen.

So ein Unsinn! Werbetreibende akzeptieren gern, dass jeder Dödel ihre Produkte kauft, egal ob schwarz, rot oder auch braun. Dazu werden – ganz traditionelle Mediaplanung – der Form nach korrekte Umfelder gebucht, wobei egal ist, ob ein braver Spießbürger oder ein Jogginghosen tragender Neonazi dumpf vor der Glotze sitzen, so lange sie nach Alter und Geschlecht nur zur Zielgruppe gehören.

Damit wir uns nicht falsch verstehen, ich finde es nicht lustig, wenn sich Naziseiten mit Werbung finanzieren. Aber schütten wir doch nicht gleich das Kind mit dem Bade aus. Dass Unternehmen im Internet an Kontrolle verlieren, ist unvermeidlich. Böse sind nicht die Globalisierung, nicht das Internet, nicht die Onlinewerbung nicht der Vermarkter. Böse sind Nazis, Kinderschänder und andere Lumpen. Und wenn Post und Mobilfunk in diesem Umfeld nicht stattfinden wollen, dann sollten sie am besten überhaupt nicht mehr werben, ihre Shops in brandenburgischen Plattenbausiedlungen schließen und zusätzlich zur SCHUFA bei Vertragsabschluss die Gesinnung abfragen. Dass dem nicht so ist, habe ich erst neulich wieder erlebt, als ich mich spätabends auf dem Nachhauseweg still und ängstlich an einer einsamen DHL-Packstation vorbeischlich, in deren Umfeld unter einem rot-gelben DHL-Logo sturzbesoffene Glatzköpfe rumpöbelten.

Soll ich jetzt aus politischen Gründen keine Pakete mehr verschicken?

Nachtrag: Keine Naziseite kann sich ernsthaft durch Werbung finanzieren. Der TKP (Tausenderkontaktpreis) in solchen Ramschumfeldern liegt üblicherweise unter einem Euro. Und wenn jetzt wirklich mal 1000 Leute (1 €?) auf dieser Mistseite waren, so dürfte das vor allem dem erwähnten Artikel geschuldet sein. Qualitätszielgruppen und -umfelder kosten nun mal mehr, hätten aber das Problem vermieden. Das war die Sache den Werbetreibenden und Agenturen aber wohl nicht wert. Hauptsache Masse, Hauptsache billig – es ist zum Speien.


3 Comments on “Thomas von der Post, Onlinewerbung und die Neonazis”

  1. 1 Harald Mertner said at 10:42 on Juni 9th, 2007:

    Frank, gut gebrüllt Löwe!
    In diesem Fall bin ich froh, daß der Marktanteil der online-Werbung sich noch im 1-stelligen Bereich bewegt (gleichwohl die höchsten Zuwachsraten hat).

    Schlimmer finde ich -neben der unsäglichen Wahlwerbung alle Jahre wieder auf allen Kanälen- daß nach wie vor Straßennamen neu! nach Nazis benannt werden, Namen von Kasernen erst nach langem Gezerre umbenannt werden/wurden, Politiker fast aller Couleur unbeschadet auf rechten Veranstaltungen auftreten, zur besten Sendezeit „Unsinniges“ verbreiten (Oettinger/Filbinger) etc. etc. Also unbeschadete Publizität allerorten.

    Ja, ja ich weis es ist halt alles ein Abbild des normalen Daseins , ob off-/online…

  2. 2 Harald Mertner said at 15:54 on Juni 9th, 2007:

    PS:
    noch ein aktuelles Beispiel angehängt: – auch das war der Gipfel!
    http://taz.de/dx/2007/06/09/a0183.1/text.ges,1

  3. 3 Torsten Eckert said at 11:51 on Juni 11th, 2007:

    Wollte auch noch mal darauf hinweisen, dass der besagte NZ-Artikel zumindest nicht aus der NZ-Redaktion stammt, sondern via Reuters eingekauft wurde.

    Insofern muss man sich vielleicht auch nicht über einen gewissen Mangel an Internetkompetenz des Autoren wundern.

    In der gedruckten SZ vom Freitag 08.06.07 (für online ist eine Registrierung erforderlich) steht, dass die rechten Parteien zu 42% vom Staat leben:

    „Demnach beträgt der Anteil der staatlichen Zuschüsse an den Gesamteinnahmen bei NPD und Republikanern 42 Prozent.“